Kein Herzschlag mehr zu hören

Michaela und Michael Schwarz aus Laboe freuen sich über ihren Neugeborenen Elias, der gesund auf die Welt gekommen ist. Foto: Silke Rönnau

 

LABOE. Es nennt sich stille Geburt. Doch was sich so friedlich und ruhig anhört, ist eine Katastrophe für die Eltern. Denn das Kind kommt tot zur Welt. Auch für Michaela und Michael Schwarz aus Laboe brach eine Welt zusammen. Die Selbsthilfegruppe Regenbogenwege half ihnen durch die schwere Zeit. 2006 verlieben sie sich, 2013 heiraten sie. „Ab 2010 haben wir versucht, ein Kind zu bekommen“, erzählt die 31-Jährige. Doch Nachwuchs will sich nicht einstellen. Nach Untersuchungen Ende 2013 im Kinderwunschzentrum in Kiel entschließen sie sich zur Insemination (künstliche Befruchtung). Der vierte Versuch klappt. „Aber das Warten ist eine enorme Belastung“, so Michael Schwarz (30). Im August 2014 gibt seine Frau wieder eine Blutprobe ab, kurz darauf kommt der ersehnte Anruf. „Wir haben uns total gefreut“, sagt sie. Es gibt keinerlei Probleme während der Schwangerschaft, nur müde ist sie oft. Im Dezember fliegen sie in den Urlaub nach Ägypten und kommen vor Weihnachten wieder, um mit der Familie zu feiern. „Am 29. Dezember sind wir nach Bad Segeberg gefahren und wollten Möbel für das Kinderzimmer aussuchen – gekauft haben wir aber noch nichts“, berichtet er. Einen Tag später erklärt ihnen der Arzt bei einer Routineuntersuchung, dass kein Herzschlag mehr zu hören ist. Das Kind ist in der 22. Schwangerschaftswoche gestorben. „Diese Nacht konnte man in die Tonne kloppen“, sagt er mit leiser Stimme. Am Silvestertag fahren sie ins Preetzer Krankenhaus. „Es war das einzige, das wir uns vorher schon mal für die Geburt angeguckt hatten.“ Dort werden sie von den Ärzten, Schwestern und der Notfallseelsorgerin Fanny Dethloff liebevoll betreut. „Das nicht lebende Kind auf natürlichem Weg zur Welt zu bringen, ist schlimm, aber es ist gut, um das alles später besser zu verarbeiten“, erklärt sie. Das Paar erhält einen Flyer mit Informationen – und erfährt so, dass ein Baby, das unter 500 Gramm wiegt, offiziell kein Mensch ist. „Man hat kein Recht auf eine Bestattung oder eine Grabplatte, und es gibt keine Geburtsurkunde, sondern nur eine Bescheinigung“, so Michael Schwarz. „Wir hätten unseren kleinen Sohn auch mitnehmen und im Garten bestatten können.“ Davon wird ihnen aber abgeraten. Die Geburt wird mit Zäpfchen eingeleitet, aber es dauert. Sie gehen zwischendurch spazieren. „Wir haben die ganze Zeit geweint und waren total fertig“, erzählt Michael Schwarz. Um 23 Uhr setzen die Wehen ein, um 4.46 Uhr kommt ihr Sohn zur Welt. „Kein Geschrei. Es war schrecklich.“ Im Kreißsaal wird eine Kerze aufgestellt. „Wir haben schnell einen Namen ausgesucht: Noah.“ Das Kind wird angezogen, sie dürfen es in den Arm nehmen. Es wäre eigentlich das Neujahrsbaby in der Klinik gewesen. Fotografiert wird aber ein anderes. Er regt sich damals darüber auf, schreibt sogar an die Zeitung: „Es ist leider immer noch ein Tabuthema.“ „Dabei war er perfekt. 310 Gramm, alles dran, 27 Zentimeter lang“, meint Michaela Schwarz. „Wir haben ihn lange gehalten.“ Dann setzen sie sich mit Pastorin Andrea Noffke in Verbindung. Am 15. Januar ist die Beerdigung, am gleichen Tag besuchen sie erstmals die Selbsthilfegruppe. Sie müssen damit klarkommen, dass sie ohne Baby aus dem Krankenhaus kommen und Blumen für die Beerdigung aussuchen, statt einen Kinderwagen zu kaufen. Sie kann nicht mehr fernsehen, weil in der Werbung immer wieder Babys zu sehen sind. Er renoviert ein Zimmer. „Man fragt sich, wie man das überstehen soll“, meint sie. „Das Reden hilft am meisten“, stellt ihr Mann fest. Sie nickt: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mich so öffnen kann.“ Im Mai entscheiden sie sich, es noch einmal zu versuchen. Diesmal klappt es gleich beim ersten Mal. Aber die Zeit der Schwangerschaft bezeichnen sie als katastrophal. „Jedes Ziehen, jedes Drücken haben wir falsch gedeutet, wir sind häufiger ins Krankenhaus gefahren.“ Am 10. März 2016 wird Elias geboren. 4550 Gramm schwer und 56 Zentimeter lang. Michaela Schwarz packt Fotos aus und zeigt auch die Fußabdrücke von Noah und Elias nebeneinander. Ihre Partnerschaft hat sich verändert. „Man streitet nicht mehr über jeden Blödsinn“, meint Michael Schwarz und blickt seine Frau liebevoll an. „Es ist schön, dich wieder lachen zu sehen“ Von Silke Rönnau Quelle: KN  

 

 

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