Wo die Stewardess mit dem Boot kommt

Einmal Laboe-Leuchtturm und zurück: Lotsenstewardess Susanne Jahn pendelt täglich mit dem Lotsenboot zur Arbeit. Foto: Astrid Schmidt

Laboe. Susanne Jahn aus Laboe hat wohl einen der ungewöhnlichsten Arbeitsplätze im ganzen Land: Sie ist Stewardess auf dem Kieler Leuchtturm und versorgt dort die Lotsen, die auf ihren nächsten Einsatz warten. Ein Arbeitsplatz, der Erholung, Seefahrtromantik und Abenteuerpotenzial vereint, wie die 61-Jährige erzählt.

Alles ist noch ganz still über der Förde, wenn sie morgens um sechs Uhr zum Lotsenboot im Laboer Hafen geht. Wenn dann die Sonne aufgeht, das Wasser sich leicht im Wind kräuselt und das Licht den Tag in eine besondere Stimmung taucht, fällt die gut 20-minütige Fahrt zur Arbeit für sie fast wie ein Erholungstrip aus. „Das sind die schönen Seiten an diesem Arbeitsplatz“, schwärmt Susanne Jahn.

Doch: „Es gibt auch andere, und die überwiegen bei Weitem.“ Wenn nämlich der Sturm die Wellen gegen den Bug des orangefarbenen Bootes schlägt, die Gischt über den Bug strömt und Minustemperaturen das Geländer vereisen – dann ist schon Härte im Nehmen gefragt. Aber das gehört für Susanne Jahn ebenso zu ihrem ungewöhnlichen Arbeitsort wie der lockere Schnack mit den zu 100 Prozent männlichen Lotsen und Lotsenbootfahrern. „Zimperlich darf man da nicht sein“, räumt sie ein.

Von einer Kollegin bekam sie den Tipp, dass eine Lotsenstewardess auf dem Kieler Leuchtturm gesucht wurde. Einstellungsvoraussetzung: Seefestigkeit und möglichst wohnhaft in Laboe. Beides brachte die gelernte Köchin mit, die „schon immer ein Faible fürs Maritime“ hatte. Seit 1989 machte sie regelmäßig mit ihrer Familie Urlaub in Laboe. Als die Kinder groß waren, zog sie 1997 mit ihrem Mann von Göttingen in das Ostseebad und trat in den Segelverein Ole Schippn ein. Nun konnte sie auch beruflich ganz unter die Seefahrer gehen. „Da hab ich nicht lange überlegt und mich beworben“, erzählt sie. Mit Erfolg: Seit Oktober 2002 kümmert sie sich um das leibliche Wohl der Lotsen, die auf dem Kieler Leuchtturm auf ihren Einsatz oder das Boot zurück nach Kiel warten.

Den Speiseplan macht sie für drei Wochen im Voraus, denn auch der Einkauf muss per Schiff auf den Turm transportiert werden. Jeden Tag kochen – da sei Kreativität gefragt: „Man muss sich auch immer was Neues einfallen lassen“, weiß Susanne Jahn. Dabei seien trotz der neu eingebauten Küche die Möglichkeiten begrenzt. „Auf Wunsch mach’ ich auch mal Bratkartoffeln“, erzählt die Köchin. Eine Spezialität, die immer wieder hoch im Kurs steht: Rindfleisch in Meerrettichsoße. „Da wird auch schon mal nach dem Rezept gefragt“, berichtet sie nicht ohne Stolz. „Einmal hatte der Turm auch Gäste, die hatten in einem Quiz eine Übernachtung gewonnen. Aber das muss ich nicht wieder haben.“ Susanne Jahn kocht doch am liebsten für ihre Lotsen.

„Als ich meiner Mutter damals mit dem Finger auf der Landkarte zeigte, wo ich arbeiten würde, war sie ganz erstaunt, weil da gar nichts war außer Wasser“, erinnert sich Jahn. Sie hat sich längst daran gewöhnt, erst einmal die Schwimmweste anzuziehen, bevor sie an Bord des Lotsenbootes geht. Für das Übersteigen vom Lotsenboot auf den Anleger am Turm hat sie ihre eigene Technik: „Drei Wellen abwarten, bei der vierten kann man laufen“, verrät sie.

Angekommen ist sie mit diesem Trick bisher auch beim höchsten Wellengang, doch mit dem Nachhausekommen klappte es nicht immer so wie geplant. Vier Tage lang hatte im vergangenen Jahr Sturmtief „Xaver“ der Stewardess einen Zwangsurlaub auf dem Turm mit Übernachtung unterhalb der Wasseroberfläche beschert. Denn im Keller des Turms stehen für die Lotsen acht Kammern zur Verfügung, die Susanne Jahn üblicherweise sauber hält, aber bis dahin nie selbst nutzen musste. „Freiwillig hätte ich das auch nicht gemacht“, sagt sie. An das „beklemmende Gefühl“ kann sie sich noch gut erinnern.

Doch sie sieht es als Abenteuer, ein Zeichen dafür, dass „hier jeder Tag anders ist“. Und nicht nur zur Kieler Woche genießt sie stets aufs Neue den Blick über die Förde auf die Segler, Fähren und Frachter. Für Susanne Jahn ist der Kieler Leuchtturm der schönste Arbeitsplatz, den sie sich wünschen kann.

 

Quelle: Kieler Nachrichten

 

 

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