Duwescher Duktus bis zum schrägen Menschenbild

Nach 30 Jahren gab Peter Nagel Einblicke in die Entstehung der "Zaungäste". Fotos Stoltenberg

Laboe – Ein Zaungast mit Hut sitzt mit dem Fernglas in der Jenner-Arp-Sporthalle und verfolgt das imaginäre Geschehen, ein alternatives Pärchen hat sich unter das bunt zusammen gewürfelte Publikum gemischt. Während ein paar Damen im hippen Nena-Look ihre 80er Jahre Sonnenbrillen als „Zaungäste“ zur Schau stellen, stehen im Hintergrund düster anmutende Gestalten mit nicht klar umrissenen Gesichtszügen: „Zaungäste“ ist der Titel der beiden großen Bilder auf der Empore der Jenner-Arp-Halle. Und die hängen hier, von vielen Hallen- Besuchern vielleicht nur nebenbei bemerkt, bereits seit drei Jahrzehnten. 

So manch ein kleiner Sportler oder Sporthallen-Gast wird sich schon gefragt haben, was es mit den Bildern auf sich hat. Jetzt kam der renommierte Künstler und ehemalige Dozent für Freie Kunst an der Muthesiusschule Prof. Peter Nagel nach Laboe, um nach 30 Jahren Einblicke in die Entstehung der „Zaungäste“ zu geben. Vor 30 Jahren suchte die Gemeinde Laboe per Ausschreibung nach einer zündenden Idee für „Kunst am Bau“, die einen inhaltlichen Bezug zur Sporthalle haben sollte. „Heute heißt das Kunst im öffentlichen Raum“, erklärt Nagel, der sich damals mit seiner Malklasse an der Ausschreibung beteiligte und für die Idee der „Zaungäste“ prompt den Zuschlag bekam. Und die zeigen nicht nur einen interessanten Stilmix, sondern erzählen auch viele Geschichten über die insgesamt 16 Studenten, die damals am Projekt beteiligt waren. Peter Nagel: „Wir als Maler mussten uns das erobern.“ Denn die Kunst am Bau war damals eher als gefällige Plastik wie „das rachitische Gänseliesel“ im öffentlichen Raum vertreten. Aber die Idee überzeugte die Gemeindevertreter und den damaligen Bürgermeister Max Pahl, sodass die Studenten unter Anleitung von Peter Nagel im Mai 1986 mit den ersten Studien beginnen konnten. Vorbild waren ganz reale Modelle, Fotografien und Studien vor Ort. Denn Prof. Peter Nagel fuhr mit seinen Studenten eigens mit dem „Dampfer“ nach Laboe, um atmosphärisch „im Bilde“ zu sein. Zurück in der Muthesiusschule entwickelten die Studenten eigenständige Figuren in Ei-Tempera-Technik, die ausgeschnitten und später zu großen Tafelbildern zusammengesetzt wurden. Besonders interessant dabei, so Nagel, ist, dass die Tafelbilder ganz unterschiedliche Malstile zeigen. 1984 übernahm Peter Nagel, der heute in Kleinflintbek lebt und arbeitet, die Malklasse von seinem Vorgänger Harald Duwe. Duwe war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Und so zeigen einige der Zaungäste noch den typischen „Duweschen Duktus“, wohingegen andere wieder deutlich davon abweichen. Peter Nagel: „Ich habe über die Jahre noch Kontakt zu meiner Malklasse gehabt.“ Dabei bestätigte sich wieder, dass Kunst ein hartes Brot ist. Denn, so Nagel: „Von den damals 16 Studierenden konnten später vielleicht vier oder fünf alleine vom Malen leben.“ Die anderen malten zwar auch weiter, aber ernährten sich durch Nebenjobs, als Kunstlehrer oder sie wurden Bühnenbildner. Ein ehemaliger Kunststudent, der später als Künstler bekannt wurde und vor einem Jahr starb, hat sich auch mit einem Selbstportrait eingebracht. Und während die „Zaungäste“ ansonsten ein bunter, durchmischter Trupp sind, stechen jene dunklen Gestalten heraus, denen man, salopp gesagt, auf keinen Fall nachts in einem Wald begegnen möchte. Peter Nagel: „Ich hatte einen Studenten, der ein eher negatives Bild von Menschen hatte.“ Und das hat er dann auch wieder bei den „Zaungästen“ zum Ausdruck gebracht. In den Tafelbildern entdeckt man Touristen, die gerade auf die Fähre warten, genau so wie mehrere studentische Selbstportraits oder den Mann, der sich gerade mit einem Hot Dog stärkt. Welche Veranstaltung die stillen Beobachter da aber eigentlich verfolgen, wurde nicht festgelegt. Peter Nagel selbst hat schon einige Kunst am Bau-Projekte verwirklicht. Besonders imposant ist das 300 Quadratmeter große Deckengemälde im Bildungszentrum Mettenhof. Als Maler ist er aber bei den „Zaungästen“ nicht selber aktiv geworden. Nagel: „Ich habe lediglich dafür gesorgt, dass durch bestimmte architektonische Elemente eine Räumlichkeit und damit eine bessere Übersicht entstand.“ Von Mai bis Oktober 1986 arbeiteten die Studenten an den „Zaungästen“, bevor die Tafelbilder in der heutigen Jenner- Arp-Halle ihren endgültigen Platz fanden. Peter Nagel: „Wir bekamen damals 30.000 D-Mark für das Projekt – enorm viel Geld, das wir in eine Studienreise in die Toskana investierten.“ Begeistert ist Nagel darüber, dass die Laboer über die Jahrzehnte wohl sehr pfleglich mit den Zaungästen umgegangen sind. Denn abgesehen von ein paar kleinen Kratzern sind die Tafelbilder in einem sehr guten Zustand, was wohl nicht zuletzt der Schulleitung zuzuschreiben ist. Bis 2004 war Prof. Peter Nagel Dozent an der Muthesiusschule, die heute Kunsthochschule ist. Zu den „Zaungästen“ steht der Künstler auch heute noch, aber, so Nagel: „Die Studenten von heute würde man dafür nicht mehr begeistern können. Sie interessieren sich mehr für experimentelle, abstrakte Malerei.“ Philine Stoltenberg 

Quelle: Probsteier Herold

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